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Mündliche Noten – Gerechter oder ungerechter Leistungsnachweis?

Für manch einen sind sie das pure Grauen, für andere allerdings Grund zur Freude: Mündliche Noten. Sie werden in jedem Fach vergeben, wobei sie in Nebenfächern zwei Drittel der Gesamtnote ausmachen.

In der Verordnung zur Gestaltung des Schulverhältnisses (auch: VOGSV) vom 19. August 2011 steht zudem unter § 32, Absatz 3, wie die Mathematik und Deutsch sowie die Sprachen bewertet werden müssen.

(3) In den Fächern, in denen gemäß Nr. 7 a der Anlage 2 Klassen- oder Kursarbeiten nach Abs. 2 Nr. 1 vorgesehen sind, machen die schriftlichen Arbeiten die Hälfte der Grundlagen der Leistungsbeurteilung aus, in den übrigen Fächern etwa ein Drittel. […]

Jedoch ist da nicht nur die Schüler:innen-Seite, die mündliche Noten entweder gerecht oder ungerecht findet – oder irgendetwas dazwischen -, sondern auch die der Lehrer:innen. Dass das Bewerten von Klassenarbeiten von einigen Tagen bis zu zwei oder mehr Wochen reichen kann, ist wahrscheinlich den meisten bekannt. Mündliche Noten unterscheiden sich in der Bewertung enorm und der mit dem Vergeben einer Leistungsnachweises Aufwand ist nur den Wenigsten bekannt.

Doch was ist, wenn ein Lehrer oder eine Lehrerin ungerecht bewertet?

Bei schriftlichen Noten gibt es üblicherweise ein bestimmtes Punkteschema, das sich wiederum aus speziellen Prozentwerten zusammensetzt. Dass ein Lehrender eine beispielsweise eine Klausur „falsch“ bewertet, kommt dadurch seltener vor. In einem solchen Fall kann der Schüler oder die Schülerin jedoch der Lehrkraft Bescheid sagen. Handelt es sich tatsächlich um einen Fehler ihrerseits, so müssen die weiteren Punkte zu den vorhandenen dazugezählt werden. Teilweise verändert das sogar die Gesamtnote der Klausur bzw. des schriftlichen Leistungsnachweises. Ist es so, dass ein Lehrender einen Fehler nicht gesehen hat, so darf dieser keine Punkte abziehen. Bei mündlichen Leistungsnachweisen geht das aber nicht so ‘einfach’, man kann zwar mit dem:der Lehrer:in darüber sprechen,

Nachzuweisen, dass die mündliche Note nicht der Realität entspricht, ist schwer. Daher sollte man am besten jedes Vierteljahr – wenn nicht sogar, jeden Monat -, den Lehrenden danach fragen, wie der aktuelle Leistungsstand ist. Hat man eine andere Einschätzung als der Lehrer, kann man diesen dann auch daraufhinn

Gut ist auch immer, nachzufragen, was man besser machen kann oder ob man freiwillig ein Referat über ein bestimmtes Thema halten darf. Solche Vorträge oder Erklärvideos fließen nämlich auch in die mündliche Note ein. Hat man eine schlechte (mündliche) Note, kann man damit versuchen, diese zu verbessern.

Meine persönlichen Erfahrungen

Ich hatte bereits einige Male den Eindruck, dass mir die Lehrkräfte unpassende mündliche Noten gegeben haben. Auch wenn ich oftmals ein eher introvertierter Mensch bin, melde ich mich sehr viel öfter, als die Zahlen in den Notizbüchern einiger meiner Lehrer:innen aussagten. Mir ist das aufgefallen und ich dachte zunächst darüber nach, woran das liegen könnte. Den Gedanken, mich doch nicht so oft zu melden, wie ich eigentlich den Eindruck hatte, habe ich immer wieder schnell verworfen. Natürlich liegen mir manche Fächer mehr und andere weniger – dass die Meinungen meiner Lehrer:innen mit ziemlich großen Abständen sehr weit auseinander gingen, fand ich jedoch nicht der Realität entsprechend.

Ich erinnerte mich an einige Unterrichtsstunden, nach denen ich mich bei meinen Eltern sowie Freunden darüber aufregte, mich sehr oft ohne Unterbrechungen gemeldet zu haben, aber von den Lehrenden nicht wahrgenommen worden zu sein. Das war für mich der Punkt, an dem ich mich bestätigt fühlte: Das Problem lag bei den Lehrer:innen. Mit diesen sprach ich schließlich auch. Wenige Wochen später bekam ich von meiner Französischlehrerin die Rückmeldung, dass ich mich „stark gebessert“ habe. Was allerdings so eine Sache ist und war … mehr als vorher meldete ich mich nicht.

Ein weiteres Beispiel für das Übersehen von Meldungen bekam ich erst vor wenigen Wochen mit. Ein Mitschüler (er saß in der ersten Reihe, direkt vor dem Lehrerpult) meldete sich einige Male, sagte dann etwas zu der Lehrerin und diese stellte fest, seine Meldungen gar nicht gesehen zu haben. Sie sagte, sie habe die ganze Zeit nur auf die Schüler:innen in der hinteren Reihe geachtet.

Natürlich ist dieses Übersehen meistens kein (gewolltes) Ignorieren, zeigt jedoch, dass auch Lehrer:innen sich bei den Leistungsnachweisen irren können. Ja, Lehrende sind auch nur Menschen (auch wenn man das vielleicht manchmal nicht glauben will). Dass die Fehler dann auf Kosten der Schüler:innen gehen ist nicht schön, doch solange mündliche Noten existieren ist das nun einmal gut möglich.

Pros und Contras für mündliche Noten

Genauso, wie jeder eine andere Meinung zu gendergerechter Sprache oder der Corona-Politik hat, gehen auch die Meinungen über mündliche Noten sehr weit auseinander. Fakt ist jedoch, dass es Vor- und Nachteile für diese Leistungsnachweise gibt. Diese sind im Folgenden als Stichpunkte zu finden.

Pros für mündliche Noten:

  • Manche Schüler:innen haben Prüfungsangst. Diese kann verursachen, dass schriftliche Leistungen nicht ihr tatsächliches Können widerspiegeln, mündliche Noten allerdings schon, aufgrund der meistens eher lockeren Arbeitsatmosphäre in der Klasse.
  • Zur mündlichen Note zählt auch das regelmäßige und gewissenhafte Erledigen der Hausaufgaben sowie in Vokabeltests in den Fremdsprachen oder sogenannte Hausaufgabenkontrollen. Dies ist auch für introvertierte, ‚verängstigte‘ Schüler:innen gut, welche jedoch ihre Aufgaben gewissenhaft und sorgfältig erledigen. Für sie ist das ein Ausgleich zu ihrer schwachen mündlichen Leistung.
  • Ohne Noten wird das Lernen von Schüler:innen eher vernachlässigt. Fließt der Hausaufgabenvergleich nicht in die Note ein, würden die eher vernachlässigt werden. Und Hausaufgaben, so sehr sie von den meisten verhasst sind, wichtig zur Wiederholung vom im Unterricht erlernten Inhalten.

Contras für mündliche Noten:

  • Lehrkräfte können unfair, also nach Sympathie bewerten. Dies ist bei schriftlichen Leistungen nicht der Fall – wobei so etwas auch bei der Bewertung von Aufsätzen, freien Texten & Co. vorkommen kann.
  • Lehrkräfte übersehen manchmal Meldungen – siehe: meine persönlichen Erfahrungen.
  • Schüchterne Schüler:innen können ihr Wissen fast nur bis ausschließlich in den Klausuren unter Beweis stellen, da sie sich sonst nicht trauen würden. In Nebenfächern, in denen diese schriftlichen Leistungsnachweise nur etwa ein Drittel ausmachen, bekommen sie somit schlechtere Noten – und das nur, weil sie sich nicht trauen, sich zu melden.

Meine Klasse lacht (wenn Falschantworten gegeben werden). Nun traue ich mich nicht, mich zu melden. Was tun?

Hat man vor dem Melden Angst, sollte man den Grund dafür finden und das der Lehrkraft mitteilen. Für diese ist eine solche Rückmeldung nämlich wichtig; sie kann das dann berücksichtigen und für ein „geschütztes Umfeld“ der Betroffenen sorgen. Mit geschütztem Umfeld ist hier gemeint, dass die Klasse oder einzelne Schüler beispielsweise ermahnt werden, wenn sie lachen oder Scherze über eine Falschantwort machen. Dass die Angst vor solchen Situationen die mündliche Note nicht besser macht, sollte an dieser Stelle allerdings auch noch einmal angemerkt werden!

Manchmal sind es aber auch einfache Reaktionen, die gar nicht unfreundlich gemeint sind und dann ‚falsch‘ ankommen. Für manch einen reicht ein einfaches ‚Hä?‘ aus, sich in Grund und Boden zu schämen; manch anderen interessiert es nicht einmal, wenn die Klasse lacht und sich über einen lustig macht. Gerade weil es so schwer ist, einzuschätzen, wen diese Kommentare persönlich treffen und wer sie gelassen nimmt, sollte man sie als außenstehende Person unterlassen. Teilweise, das merke ich manchmal selber, ist das nicht einmal so leicht. Beinahe jeder – wahrscheinlich kann man sogar sagen, jeder – hat sich schon einmal gewundert und das dann auch mit einem ‚Hä?‘, ‚Wie bitte?‘ oder anderem erstaunten Laut ‚verkündet‘.

Stimmungsbild:

Bei einer von mir erstellten, anonymen Umfrage haben auf die Frage, ob sie finden, dass mündliche Noten unfaire Leistungsnachweise sind, 51% mit ja geantwortet. Bei Ist es dir schon mal passiert, dass ein Lehrer deine mündliche Leistung ungerecht bewertet hat (du den Eindruck hattest?), antworteten 76% mit ja, 11% mit nein und 14% mit vielleicht. Dennoch finden 57% mündliche Noten gut.

Dass aber nur die wenigsten davor Angst haben, sich zu melden, zeigt, dass 81% aller Befragten die Antwortmöglichkeit nein anklickten.

Schlusswort:

Zu mündlichen Noten kann man wirklich zwiegespalten sein. Es gibt viele Gründe, die für die Abschaffung sprechen und viele, die dafürsprechen, dass sie beibehalten werden. Für die, die generell eher extrovertiert sind und keine Angst haben, sind sie sicherlich gut. Die, die eher schüchtern sind, haben dabei Probleme und in den Nebenfächern kaum Chancen, ihr Wissen mitteilen zu können. Dass die Hälfte-Hälfte-Regelung bei Hauptfächern ziemlich gerecht ist, sollte man allerdings zugeben. Schließlich können die leisen Schüler sowie die lauten ungefähr gleich ‚punkten‘. Eine gute Möglichkeit zur Lösung dieses Problems wäre in meinen Augen, dass man jedes Schuljahr wählen kann, ob die mündliche oder eher die schriftliche Leistung in den Nebenfächern stärker gewichtet wird. Oder dass auch hier einfach diese Hälfte-Hälfte-Regelung gilt.

Leonie Lena Strobel

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