
Freiheit, Gott und Tugend
Freiheit, Gott und Tugend – das sollen zumindest laut Schillers Gedicht Die Worte des Glaubens den Wert des Menschen definieren. Wer diese Werte glaubt, nach ihnen lebt und sie verbreitet, sei ein wertvoller Mensch. Doch ist das wirklich noch zeitgemäß?
Dafür muss man zunächst die drei Worte definieren.
Freiheit: Bereits Immanuel Kant realisierte die Bedeutung der Freiheit und war der Auffassung, die eigene Freiheit sei einer der wichtigsten Aspekte im Leben eines jeden Menschen. Deswegen dürfe sie aber die Freiheit eines anderen nicht einschränken. Aber was, wenn die eigene Freiheit eben doch eingeschränkt ist? Ist man dann wertlos? Sind zu einer Freiheitsstrafe Verurteilte ohne Wert?
Tugend: Was ist „tugendhaftes Verhalten“ überhaupt? Bedeutet es, sich moralisch zu verhalten? Oder sich an Gesetze zu halten? Ich weiß es nicht. Sicher ist nämlich, dass das Wort Tugend verschiedene Definitionen kennt. Laut dem Duden wäre ein Synonym beispielsweise Anständigkeit. Aber während sich eine Mutter aus ihrer Sicht anständig verhält, sieht ihr Kind das vielleicht ganz anders. Darüber den Wert des Menschen zu definieren, halte ich für unmoralisch und unverantwortlich.
Gott: Der ist laut Nietzsche tot. Und obwohl es viele Menschen gibt, die Gott als zentralen Bestandteil ihres Lebens sehen, gibt es mindestens genauso viele, die nicht an eine höhere Macht glauben. Es fällt mir schwer einzusehen, dass all diese Menschen wertlos oder zumindest weniger wert sein sollen.
Von verschiedenen Blickwinkeln betrachtet, findet man mit Sicherheit Menschen, die für einen bestimmten Bereich der Gesellschaft von größerem Mehrwert sind als andere. Beispielsweise könnte man sagen, Rosalind Franklin war von großem Wert für die Wissenschaft – aber war sie deswegen absolut mehr wert als andere Mitglieder der Gesellschaft? Und sind Babys nach Schillers Definition gänzlich ohne Wert? Schließlich können sie sich weder tugendhaft verhalten noch an Gott glauben.
Zudem verbinden viele Menschen Wert mit Menschenwürde – die ist unantastbar.
Meiner Meinung nach ist diese Definition des Wertes des Menschen also längst nicht mehr zeitgemäß – womöglich, weil sie das nie tatsächlich war – auch wenn sie in Schillers Zeit wahrscheinlich viel Anklang gefunden hat.
Johanna Bonin